XL - Leseprobe aus Kysano - Geheimnisse und Illusionen

1. Kapitel

 

 

Leeza starrte entsetzt auf die Stelle, wo eben noch das Portal gewesen war, durch welches sie und ihre Freundin Jizahan aus der Welt Kysano hierhergekommen waren. Da sie bereits einmal durch ein solches Weltentor gegangen war, als sie mit Syvenia, der Freundin ihrer Mutter, nach Kysano gekommen war, wusste sie sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Sobald sie nämlich in der Illusion der Erdmagier angekommen waren, gab es sie nicht einfach frei, sondern schleuderte sie mit einem Knall regelrecht hinaus. Dann gab es eine gewaltige Explosion und das Portal zerbarst in tausend Stücke.

Sie rappelte sich benommen auf und fragte, ohne ihren Blick von der Zerstörung abzuwenden: „Bist du in Ordnung, Jizahan?“

„Ja schon, aber irgendwie habe ich mir das etwas anders vorgestellt. Ich meine, der Anfang war ja noch okay mit dem farbigen Kreis, der sich über einen senkt, und dann die seltsamen Stimmen, die man hört, während sich der Kreis dreht. Auch das Gefühl des Fallens war an sich in Ordnung. Aber ich hätte doch erwartet, dass der Sturz am Schluss etwas abgebremst und man nicht mit voller Wucht hinauskatapultiert wird“, beschwerte sich

Jizahan und klopfte sich den Schmutz von den Kleidern.

Leeza antwortete nicht, sondern starrte unverwandt auf die Stelle, wo das Portal sich hätte schließen sollen. Dort waren statt einem allmählich verschwindenden schimmernden Bogen nur einzelne Farbfragmente zu sehen, die zu Boden rieselten und sich nach und nach auflösten.

„Was ist denn los?“, fragte Jizahan, alarmiert durch Leezas seltsames Verhalten.

Leeza schüttelte bestürzt den Kopf. „Das war eben nicht normal. Üblicherweise landet man sanft auf dem Boden, und der Kreis gibt einen dann frei. Es dürfte weder einen Knall geben, noch sollte man hinausgeschleudert werden. Außerdem müsste sich das Portal, wenn es geschlossen wird, fließend auflösen und nicht explodieren.“

Jizahan sah Leeza mit ihren großen smaragdgrünen Augen erschrocken an. „Was denkst du, was passiert ist?“

„Ich weiß es nicht, aber ich befürchte, es war nichts Gutes. Jedenfalls würde ich sagen, das Portal wurde soeben demoliert.“

„Aber geht das denn überhaupt? Ich meine, kann das einfach so zerstört werden?“

„Ich denke schon. Vermutlich braucht es dazu einfach die richtige Art von Magie.“

„Aber wer würde so etwas tun und wieso?“

„Da bin ich überfragt. Vielleicht wurde Kymetos angegriffen, als er das Portal schließen wollte, und es explodierte aus diesem Grund. Falls es tatsächlich so war, hoffe ich, dass wenigstens er in Ordnung ist.“

„Das ist er bestimmt“, erwidert Jizahan zunächst beruhigend, stutzte kurz und fragte dann mit leichter Panik in der Stimme: „Aber laut Lestre war dies unser einziger Weg zurück. Ohne das Portal kommen wie nie mehr von hier weg. Was sollen wir denn jetzt nur tun?“

Leeza fuhr sich nachdenklich durch ihr blondbraunes Haar. „Ich habe keine Ahnung, aber da wir nichts zur Lösung des Problems beitragen können, sollten wir uns auf unsere Aufgabe konzentrieren und darauf vertrauen, dass Lestre und Kymetos einen anderen Weg finden werden. Immerhin sind sie mächtige Lichtmagier.“

Leeza riss ihren Blick von der Stelle los, wo immer noch farbige Partikel zu Boden fielen und sah sich um.

Sie befanden sich auf einer kleinen Waldlichtung, die genauso aussah wie diejenige, auf der sie damals mit Syvenia in Kysano angekommen war, und sie fragte sich unwillkürlich, ob wohl alle Portale auf solche Lichtungen führten.

Jizahan atmete tief durch, sah sich dann ebenfalls um und sagte: „Na gut, du hast ja recht, Panik hilft uns jetzt gar nichts. Hast du eine Ahnung, wo wir sind?“

Leeza zuckte ratlos mit den Schultern. „Wir sind irgendwo in der Illusion der Erdmagier, aber wo, weiß ich auch nicht. Ich fürchte, wir müssen einfach auf gut Glück losgehen.“

„Dann lass uns von hier verschwinden. Ich habe das Gefühl, wir sollten mit unserem Aufbruch nicht zu lange warten.“

Leeza nickte und suchte mit den Augen den Rand der Lichtung ab, in der Hoffnung, irgendwo einen versteckten Weg zu entdecken. Zuerst sah sie nichts, aber dann fand ihr Blick etwas, das wie ein schmaler Pfad aussah. Sie stieß Jizahan in die Seite und wies in die Richtung. „Schau mal. Ich glaube, da können wir lang.“

Jizahan folgte mit dem Blick Leezas Finger. „Tatsächlich ein Weg. Der ist mir vorher überhaupt nicht aufgefallen.“

„Vermutlich ist er eben erst aufgetaucht und er könnte genauso schnell wieder verschwinden. Also sollten wir uns beeilen“, erwiderte Leeza, schob ihren Rucksack zurecht und ging entschlossen voraus.

Sobald sie den Pfad betreten hatten, schloss sich die Öffnung, und die Lichtung, auf der sie angekommen waren, war nicht mehr zu sehen. Als sie die Bewegung der Bäume hinter sich hörte, blickte Jizahan sich erstaunt um. Sie kannte dieses Prinzip zwar vom Garten der Schule der Lichtmagier, aber dass es auch hier so war, verblüffte sie jetzt doch. Als sie wieder nach vorn sah, bemerkte sie, Leeza war schon ein ganzes Stück vor ihr. Anscheinend war das alles nicht neu für sie.

Jizahan schüttelte verwirrt die kupferroten Locken, beeilte sich sie einzuholen, und fragte dann: „Sag mal, findest du das alles nicht seltsam?“

„Was meinst du denn? Die Sache mit dem zerstörten Portal oder die mit dem sich schließenden Durchgang?“

„Ach, ich weiß nicht, eigentlich beides.“

„Nun, die Sache mit dem Portal beschäftigt mich schon, aber was immer da geschehen ist, wir können nichts daran ändern, und die plötzlich auftauchenden und verschwindenden Durchgänge und Pfade kennen wir vom Garten in unserer Schule.“

Jizahan blieb abrupt stehen und hielt Leeza am Arm fest. „Moment mal, du bist früher schon durch so ein Tor gegangen, nicht wahr?“

Leeza sah Jizahan entschuldigend an. „Ja, das bin ich. Es tut mir leid, dass ich dir das nicht eher sagen konnte. Ich werde es dir später erklären, aber jetzt müssen wir wirklich weg von hier.“

Jizahan ließ Leezas Arm zögernd los. „Du erklärst es mir aber wirklich, oder?“

„Ganz bestimmt. Vertrau mir.“ Leeza drückte kurz Jizahans Hand und lächelte sie beruhigend an. Die Freundin wirkte ernst und die sonst so fröhlich wirkenden Sommersprossen um ihre Nase waren blasser als üblich.

Weiterhin folgten die Mädchen dem Pfad, der sich vor ihnen durch den Wald schlängelte. Leeza fragte sich, ob sie ihm wohl wirklich trauen konnten. Als sie damals mit der Magierin Syvenia von ihrem früheren Zuhause durch das Portal der Welten nach Kysano gekommen war, war alles ganz anders gewesen. Erstens war das Portal nicht in tausend Stücke zerborsten, stattdessen hatte Syvenia es geschlossen, und zweitens war da kein Pfad gewesen. Die Lichtmagierin hatte sie bloß quer durch den Wald geführt, ohne einem Weg zu folgen.

Sie erinnerte sich daran, dass Syvenia etwas von dunklen und hellen Wäldern gesagt hatte. Damals hatte sie nicht verstanden, was damit gemeint war, und hatte die Frage auf einer ihrer imaginären Listen notiert. Nun bedauerte Leeza, vor ihrem Aufbruch nicht danach gefragt zu haben, aber es war alles so schnell gegangen und ganz andere Dinge waren im Vordergrund gestanden. Sie hoffte, dass die Beantwortung dieser Frage hier nicht wichtig war, denn immerhin waren sie nicht in Kysano, sondern in einer Illusion, die von den Erdmagiern vor sehr vielen Jahren erschaffen worden war, um den Erdschlüssel zu schützen. Und jetzt waren sie und Jizahan hier, um genau den Schlüssel zu finden, weil eine uralte Prophezeiung ausgerechnet sie beide für diesen Job ausgesucht hatte. Zwei unerfahrene Jungmagierinnen von siebzehn Jahren waren gemäß dieser Prophezeiung anscheinend mehr geeignet, ihn zu entdecken, als mächtige Lichtmagier wie Kymetos oder Lestre, der Großmagier. Obwohl sie die Dinge, die geschehen waren, seit sie nach Kysano gekommen war, nicht verstand, hatte sie sich bereit erklärt, die Bestimmung anzunehmen, damit Kysano nicht zerstört wurde. Allerdings fragte sie sich jetzt, ob die Entscheidung richtig gewesen war. Sie selbst konnte ja nicht einmal Magie anwenden, weil ihre Mutter Lyzea ihre magischen Fähigkeiten blockiert hatte, und es Lestre nicht gelungen war, die Blockade vor ihrem Aufbruch aufzulösen. Was, wenn Jizahans Magie nicht ausreichte, um die Aufgabe zu lösen? Nein, so etwas durfte sie nicht denken. Jizahan war eine gelehrige Jungmagierin, sicher würden ihre Fähigkeiten reichen.

Wie es wohl außerhalb dieses Waldes aussah? War es eine Kopie von Kysano mit Blumenwiesen, schönen Wäldern und Bergen oder etwas völlig anderes? In Kysano gab es prachtvolle magische Pflanzen und bestimmt auch viele Tiere. Sie hatte zwar außer Vögeln und Insekten noch nicht viel von der Tierwelt in Kysano mitbekommen, aber wenn sie an die Wunschbienen dachte, war sie sich sicher, dass dort noch viele andere magischen Tiere lebten. Was gab es hier wohl an Flora und Fauna? Bis jetzt hatte sie noch keine Anzeichen von anderen Lebewesen gesehen, aber irgendwelche würde es wohl geben. Vielleicht lebten hier irgendwo sogar Menschen, die ihnen helfen konnten. Leeza dachte an die Illusion, in welcher sie jahrelang mit ihrer Mutter gelebt hatte, bevor Syvenia sie nach Kysano geholt hatte, konnte sich aber keine Einzelheiten mehr ins Gedächtnis rufen. Sie fragte sich, ob die Erinnerung daran irgendwann zurückkommen würde. Kymetos hatte gesagt, dass der Verlust davon damit zusammenhing, dass die Illusion sich nach und nach auflöste, nachdem sie sie verlassen hatte, und dies sprach leider eher dagegen.

Wo ihre Mutter jetzt wohl war? Sie hatte damals gesagt, sie habe etwas Wichtiges zu erledigen und könne deshalb nicht mit ihr nach Kysano kommen. Was sie wohl damit gemeint hatte? Weder Kymetos noch Lestre hatten darauf eine Antwort für Leeza gehabt. Sie dachte an die Nacht in Kysano, als ihr ihre Mutter erschienen war, um ihr einen Ratschlag zu geben. Immerhin schien es ihr soweit gut zu gehen und das war im Moment das Einzige, woran sie sich festhalten konnte.

Sie war dermaßen in ihre Gedanken vertieft, dass sie die Kreuzung erst bemerkte, als Jizahan sie anstupste und ziemlich ratlos fragte: „Wo geht es denn nun weiter?“

Leeza betrachtete die beiden Pfade, von denen der eine nach Nordwesten, der andere nach Nordosten führte, und war genauso ratlos wie Jizahan. Sie schalt sich eine Närrin. Während sie vorhin dem Pfad gefolgt waren, hätte sie besser darüber nachgedacht, wie sie hier handeln sollten, anstatt über Dinge, die sie sowieso nicht ändern konnte.

Noch während sie von einer Seite zur anderen sah und versuchte zu einer Entscheidung zu kommen, hatte sie das Gefühl, dass sie auf gar keinen Fall nach Nordwesten gehen sollten. Da ihr nicht klar war, woher die plötzliche Eingebung kam, machte sie probeweise einige Schritte in nordwestlicher Richtung und stellte zu ihrem Erstaunen fest, dass es sich tatsächlich falsch anfühlte. Es war so, als würde sie versuchen, gegen einen starken Wind anzukämpfen. Diese Empfindung verschwand sofort, als sie sich umdrehte und nach Nordosten ging.

Sie winkte Jizahan zu sich. „Wir müssen da langgehen, der andere Weg ist falsch.“

„Bist du dir sicher?“, fragte Jizahan zweifelnd.

„Ich bin mir hundertprozentig sicher, aber wenn du dich selber überzeugen willst, dann geh einfach ein paar Schritte in Richtung Nordwesten.“ Leeza lächelte leicht.

Jizahan folgte der Aufforderung kopfschüttelnd, blieb dann nach einigen Metern stehen und drehte sich um. „Es stimmt, das ist eindeutig die falsche Richtung. Gehen wir also nach Nordosten.“

Während sie achtsam weitergingen, betrachtete Leeza die Umgebung genauer. Der Weg war auf beiden Seiten von hohen Bäumen und dichtem Gestrüpp gesäumt. Der Wald war ganz anders als derjenige, den sie mit Syvenia auf ihrem Weg zur Schule der Lichtmagier durchquert hatte. Der in Kysano war farbenfroh und einladend gewesen, hier hingegen wirkte es düster und abweisend, sodass Leeza sich beunruhigt fragte, was sie in dieser Welt wohl zu erwarten hatten. Es war alles so plötzlich geschehen, dass sie sich überhaupt keine Gedanken darüber machen konnten, auf welche Probleme sie hier stoßen würden, und wie die zu bewältigen waren, vorausgesetzt natürlich, sie wären überhaupt lösbar.

Je weiter sie dem Weg folgten, desto dunkler wurde es, und Leeza merkte, dass ihr das Atmen immer schwerer fiel.

Sie blieb stehen und fragte keuchend: „Geht das nur mir so oder kriegst du auch kaum noch Luft?“

„Die Atmosphäre ist so dick, dass man sie schneiden könnte, und es riecht auch irgendwie seltsam, findest du nicht?“

Leeza verzog angewidert das Gesicht. „Ja, es riecht moderig. Was meinst du, ob wir nicht doch in die andere Richtung hätten gehen sollen?“

Jizahan sah sich um und antwortete unsicher: „Ich weiß auch nicht, aber die andere Richtung fühlte sich eindeutig falsch an.“

„Das stimmt. Einerseits sagt mir das Gefühl, dass wir hier richtig sind, andererseits fordert mein Verstand mich dazu auf, sofort umzukehren. Ich weiß nicht, ob ich auf mein Bauchgefühl oder meinen Kopf hören soll.“

Jizahan setzte gerade zu einer Antwort an, als ihr die Augen auffielen. Sie waren gut im dornigen Gestrüpp versteckt und nur für einen Sekundenbruchteil sichtbar, dennoch war es keine Einbildung gewesen. Sie trat näher an Leeza heran, die immer noch unsicher von einer Richtung in die andere sah und flüsterte: „Hast du die Augen auch gesehen?“

Leeza antwortete leise, ohne Jizahan dabei anzusehen: „Nein, wo sind sie?“

„Sie waren nur für einen Moment zu sehen. Im Gestrüpp schräg links von mir.“

Leeza blickte möglichst unauffällig dorthin, konnte aber nichts erkennen. „Ich sehe nichts.“

„Ich bin mir ganz sicher. Ich habe sie zwar nur für einen kurzen Augenblick gesehen, aber sie waren da.“

„Dann sollten wir schleunigst von hier verschwinden. Ich schlage vor, wir gehen weiter in dieselbe Richtung. Es muss ja einen Grund dafür geben, dass wir beide überzeugt waren, dieser Weg sei richtig.“

Jizahan nickte. „Ja, ich denke, du hast recht. Wir gehen weiter nach Nordosten. Und wir sollten uns beeilen.“

Während sie schnell weitergingen, blickten sie häufig vorsichtig um sich. Obwohl sie im immer dichter werdenden Gestrüpp nichts erkennen konnte, war sich Leeza absolut sicher, dass ihnen etwas folgte.

Nach einer Weile stupste sie Jizahan an und flüsterte: „Ich glaube, wir werden beobachtet. Siehst du etwas?“

„Nein, trotzdem habe ich das Gefühl, uns folgt jemand oder etwas.“

„Jemand oder etwas? Ich weiß ja nicht, wie du das siehst, aber mir wäre jemand doch lieber als etwas.“

„Mir auch, aber eigentlich will ich es gar nicht so genau wissen. Ich kriege langsam den Eindruck, wir werden hier noch eine Menge Probleme bekommen.“

Leeza schüttelte sich. „Wem sagst du das? Einerseits kann ich es kaum erwarten, aus dem Wald herauszukommen, anderseits fürchte ich mich davor, was uns außerhalb alles erwarten könnte.“

Jizahan warf Leeza einen kurzen Blick zu. „Was meinst du damit? Weißt du etwa mehr als ich?“

„Darüber, was uns hier erwarten könnte? Nein, aber ich habe den Eindruck, wir sind hier nicht willkommen.“

Sie eilten schweigend weiter, wobei sie immer wieder prüften, ob jemand oder etwas hinter ihnen war. Obwohl sie nichts Verdächtiges sehen konnte, war sich Leeza ganz sicher, dass sie beobachtet wurden. Nach einer Weile spürte sie deutlich, wie die Luft sich abkühlte, ähnlich wie damals in Kysano, als sie auf ihrer Reise mit Syvenia von Schattenwesen beobachtet wurde. Syvenia hatte sie damals mit einem Lichtzauber verjagt und ihr dann erklärt, dass Lichtmagier oft Kälte verspürten, wenn solche Wesen in der Nähe waren. Ob es die hier auch gab? Und wenn ja, ob sie ihnen wohlgesinnt waren? Kymetos hatte ihr erklärt, Schattenwesen seien Wanderer zwischen hell und dunkel und man solle ihnen niemals wirklich vertrauen. Sie wollte Jizahan eben fragen, ob sie die Kälte auch wahrnahm, da sah sie selbst die Augen. Sie funkelten eine Sekunde lang grellgrün in der Dunkelheit des Waldes und waren schon wieder verschwunden.

Leeza erschauerte. „Wir sollten uns beeilen, Jizahan. Was immer sich da versteckt, beobachtet uns noch, und solange wir nicht wenigstens ungefähr wissen, was für Wesen hier leben, habe ich absolut kein Verlangen danach herauszufinden, wer oder was es ist.“

„Ich bin ganz deiner Meinung, aber ich fürchte, wir haben ein kleines Problem.“

Leeza richtete ihren Blick alarmiert nach vorn und sah sofort, was Jizahan meinte. Der Pfad führte in eine Sackgasse. Vor ihnen lag ein undurchdringliches Gewirr von stacheligem Gestrüpp.

„Es war also doch der falsche Weg. Was machen wir denn jetzt?“, fragte Jizahan verzweifelt.

Leeza blickte ratlos auf das Gebüsch vor ihren Beinen und fragte sich, wann genau sie eigentlich den Posten der Anführerin und Problemlöserin übernommen hatte. Schließlich wusste sie genauso wenig wie Jizahan, was sie jetzt machen sollten, und doch wurde offensichtlich von ihr eine Lösung erwartet. Während sie noch darüber grübelte, was zu machen wäre, hörte sie plötzlich ein leises, melodisches Pfeifen und griff aufgeregt nach Jizahans Arm. „Hörst du das Pfeifen auch?“

„Ja, es kommt von dort drüben.“ Jizahan zeigte ins Blättergewirr links.

„Lass uns nachschauen. Vielleicht weist es uns den Weg.“

„Warte, es könnte eine Falle sein“, gab Jizahan zu bedenken.

„Was immer es ist, lass es uns versuchen. Ich habe nämlich nicht die blasseste Ahnung, was wir sonst machen sollen, um weiterzukommen, und ich will garantiert nicht länger als unbedingt nötig hier bleiben.“

Sie ging langsam in die Richtung, aus der das Pfeifen kam, und Jizahan folgte ihr widerstrebend. Als sie am Gesträuch angekommen waren, blieben sie stehen und sahen sich um. Das Pfeifen war etwas lauter geworden und die Melodie war nun klar zu hören, aber ein Durchgang war nirgendwo zu entdecken.

Leeza sah zu Jizahan und bemerkte, dass sie konzentriert lauschte. „Was ist los?“

„Ich kenne das. Mein Vater hat mir, als ich klein war, immer ein Lied vorgesungen, das genauso klang. Ich kann mich nicht an den Text erinnern, aber ich bin mir sicher, dass es genau diese Melodie war. Was meinst du, was das zu bedeuten hat?“

Leeza kratzte sich nachdenklich an der Nase. „Keine Ahnung, aber Lestre hat gesagt, dein Vater sei vor uns durch das Portal gegangen. Vielleicht versucht er, uns den Weg zu weisen.“

„Ja, das könnte möglich sein. Aber es nützt uns nichts, wenn wir die Richtung wissen, solange wir keine Möglichkeit finden, durch das Gestrüpp hindurchzukommen.“

„Vielleicht können wir uns einen Weg hindurchschneiden“, schlug Leeza vor und holte den Dolch hinaus, den Kymetos ihr vor ihrem Aufbruch zum Erdportal gegeben hatte.

Jizahan machte es ihr nach und sie versuchten gemeinsam, einen Durchgang in die Wirrnis zu hacken, gaben aber bald auf, denn alles wuchs sofort wieder nach – dichter als zuvor.

Sie steckten die Dolche weg und starrten das Dickicht frustriert an, bis Leeza einer plötzlichen Eingebung folgend vorschlug: „Antworte ihm.“

Jizahan sah sie verständnislos an. „Was meinst du? Wie denn?“

„Pfeif die Melodie. Vielleicht zeigt sich dann eine Öffnung oder etwas Ähnliches.“

„Okay, das hört sich zwar seltsam, an aber es könnte funktionieren.“ Jizahan begann zu pfeifen, und tatsächlich, sobald die Melodie als Duett erklang, vervielfältigte sie sich. Nach kurzer Zeit waren die Töne so intensiv, dass es unmöglich war, etwas anderes wahrzunehmen. Die Bäume wiegten sich im Rhythmus der Melodie langsam hin und her und ein leichter Wind kam auf. Dann flimmerte die Luft, das Dickicht und die Bäume lösten sich allmählich auf, eine steinige Kraterlandschaft erschien, die weit vor ihnen in den Horizont überzugehen schien. Die Farben der Krater variierten in den verschiedensten Erdtönen und der Boden unter ihren Füßen schimmerte nun goldbraun. Hier und dort konnten sie kleine grüne Flecken sehen, wo die Vegetation über die Steine gesiegt hatte und einige Pflänzchen ihren Platz verteidigten. Über allem wölbte sich ein goldfarbener Himmel und die dunkelorange Sonne tauchte die Landschaft in ein diffuses Licht.

„Wow, das ist wunderschön. Hast du so etwas schon einmal gesehen?“, fragte Jizahan und blickte überwältigt um sich.

Leeza schüttelte überrascht den Kopf. „Das übertrifft meine Erwartungen von einer Öffnung oder einem Weg bei Weitem. Und wir haben definitiv ein Problem, hier gibt es eine Unmenge Krater. Wie sollen wir den Erdschlüssel nur jemals finden?“

„Was meinst du? Wieso sind es zu viele Krater?“

„Das muss warten, jetzt ist nicht die Zeit für Erklärungen. Wir sollten irgendwo Schutz suchen. Ich glaube nämlich nicht, dass es gut ist, wenn wir lange an einem Ort bleiben.“

„Ja, da hast du vermutlich recht. Aber in welche Richtung sollen wir gehen?“

Leeza drehte sich einmal im Kreis, um die Gegend zu überblicken, und zuckte dann ratlos mit den Schultern. „Ich habe absolut keine Ahnung. Irgendwie wünsche ich mich plötzlich in den Wald zurück. Dort gab es wenigstens einen Weg, dem wir folgen konnten.“

„Na ja, immerhin gibt es nirgendwo Augen im Dickicht, und einen möglichen Verfolger können wir hier leichter entdecken.“ Jizahan lächelte aufmunternd.

„So gesehen hat sich unsere Gesamtsituation doch verbessert. Allerdings weiß ich nach wie vor nicht, in welche Richtung wir uns wenden sollen.“

Jizahan blickte nach Norden und packte Leeza am Arm. „Jedenfalls ganz sicher nicht dorthin! Wir müssen auf der Stelle verschwinden!“

Leeza folgte Jizahans Blick und erkannte sofort, was sie meinte. Wenn sie noch eine Weile leben wollten, sollten sie Fersengeld geben. Aus nördlicher Richtung stürmte nämlich eine Horde großer, kräftig aussehender Gestalten auf sie zu, und es wirkte überhaupt nicht so, als ob sie ihnen freundlich gesinnt wären.

Blitzschnell drehten sich die Mädchen um und rannten über die steinige Landschaft davon. Obwohl die Kreaturen ziemlich plump aussahen, waren sie erstaunlich schnell und kamen rasch näher. Als Leeza zurückschaute, um ihren Vorsprung zu überprüfen, waren sie schon gefährlich nahe, und sie konnte den fauligen Gestank riechen, den die Wesen verströmten. Verzweifelt suchte sie die Umgebung nach irgendeinem Versteck ab, aber wohin sie auch blickte, es gab absolut nichts, wo sie sich hätten verkriechen können.

Dann plötzlich hielt Jizahan so abrupt an, dass Leeza beinahe in sie hinein geknallt wäre. „Warte mal, ich glaube, ich höre etwas.“

„Dazu ist jetzt keine Zeit! Wir müssen weiter, wenn wir nicht sterben wollen. Was immer hinter uns her ist, hat uns bald eingeholt.“

„Nein, warte. Hörst du denn das Pfeifen nicht? Es kommt von dort oben“, beharrte Jizahan und zeigte auf einen Krater, der hoch über ihnen aufragte.

„Du meinst, wir müssen da hinauf?“

„Wenn du keine bessere Idee hast, schlage ich vor, wir versuchen es.“

„Na dann los!“

Leeza und Jizahan hetzten den Hang hoch. Je weiter sie nach oben kamen, desto schwieriger wurde es, das Tempo aufrechtzuhalten, denn das Gefälle wurde stetig steiler, und sie rutschten auf den Steinen immer wieder aus. Glücklicherweise schienen aber auch ihre Verfolger Schwierigkeiten mit dem Terrain zu haben, denn sie fielen zurück und hielten schließlich ganz an.

Als Leeza das bemerkte, blieb sie stehen und keuchte: „Warte Jizahan, ich glaube, wir können uns einen Moment ausruhen.“

Jizahan blieb stehen und blickte hinab. „Wieso haben sie aufgehört mit der Verfolgung?“

„Vielleicht, weil es wegen der Steine so rutschig ist oder es ist ihnen einfach zu steil.“

Jizahan schüttelte zweifelnd den Kopf. „Ich finde, es wirkt eher, als wenn sie auf etwas warten würden.“

Leeza sah nun auch genauer hin. „Ja, das könnte sein, aber vermutlich sollten wir nicht herausfinden, worauf sie warten.“

Schon hasteten sie weiter den Hang hinauf, wobei sie sich immer wieder gegenseitig stützten, um nicht abzurutschen. Etwa fünf Meter unter der oberen Kante mussten sie anfangen zu klettern.

Als sie fast oben angekommen waren, hörten sie ein fernes, heiseres Krächzen, und ein Blick hinauf zum Himmel machte ihnen deutlich, worauf ihre Verfolger gewartet hatten.

Entsetzt starrten sie auf die vier schnell näher kommenden riesigen Vögel und waren für einen Moment unfähig, sich zu bewegen. Dann schüttelte Leeza die Starre ab, griff nach Jizahans Hand und zog sie hinter einen großen Felsen. Dort duckten sie sich, so tief sie konnten, um sich vor den suchenden Augen der Vögel zu verbergen.

Obwohl sie noch weit weg gewesen waren, als die Mädchen in Deckung gingen, dauerte es nicht lange, bis die Vögel über ihr Versteck hinwegflogen. Sie kreisten einige Male über ihnen und landeten dann ein Stück von ihnen entfernt.

Kaum wagten sie zu atmen, doch sie konnten der Versuchung nicht widerstehen, den Kopf leicht anzuheben, um die Vögel genauer zu betrachten. Sie waren etwa dreimal so groß wie normale Adler, hatten schwarz-gelbe Federn, lange, spitze Krallen und einen scharfen, gekrümmten Schnabel. Die durchdringenden gelben Augen glitzerten bösartig und ihr schauriges Krächzen schmerzte in den Ohren der Mädchen.

Die Raubvögel suchten die Gegend ab, waren aber offenbar nicht in der Lage, die beiden zu sehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab einer von ihnen das Zeichen zum Aufbruch. Sogleich breiteten alle die riesigen Flügel aus, stiegen hinauf in den Himmel, drehten noch eine Runde über den Köpfen der Mädchen und flogen dann zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Leeza und Jizahan blieben so lange hinter den Felsen gekauert, bis die Greifvögel nur mehr kleine Punkte am Horizont waren. Dann spähten sie vorsichtig hervor, um nach ihren Verfolgern zu sehen, aber glücklicherweise waren auch die verschwunden.

„Das war extrem knapp. Was meinst du, wieso konnten sie uns nicht entdecken?“, fragte Jizahan mit bebender Stimme.

„Vielleicht hängt das irgendwie mit unseren Kleidern zusammen. Syvenia sagte doch, dass der Farbton sich so verändert, dass er uns nach Möglichkeit verbirgt, erinnerst du dich?“

„Ja, das wird es wohl sein. Ich habe das Gefühl, es ist eine Ewigkeit her, dass sie das sagte, obwohl nur wenige Stunden seither vergangen sind. Jedenfalls sollten wir weiter hinaufklettern und sehen, was in dem Krater ist oder was meinst du, Leeza?“

„Einverstanden, schließlich hat uns das geheimnisvolle Pfeifen hierhergeführt und uns vor den schrecklichen Gestalten gerettet. Außerdem finde ich, wir sind hier draußen viel zu stark exponiert. Wer weiß, was sonst noch alles auf uns lauert.“

„Was im Krater auf uns lauern könnte, wissen wir auch nicht, aber noch schlimmer kann es ja wohl nicht werden. Was waren das überhaupt für Gestalten, die uns verfolgt haben?“

Leeza antwortete mit einem Schulterzucken: „Keine Ahnung, vielleicht eine Art stinkender Bergtroll. Aber egal, was es war, ich hoffe, wir begegnen ihnen nicht noch einmal.“

Sie kletterten den Rest des Hanges hinauf, und als sie schließlich oben angekommen waren, trauten sie ihren Augen nicht. Der Krater war gewaltig. In der Mitte lag ein tiefblau funkelnder See, dessen Ufer gesäumt von leuchtend orangem Schilf war. Die Wände waren dicht bewachsen, aber immerhin schlängelte sich ein schmaler Weg vor ihnen den Abhang hinunter. Die ganze Gegend wirkte friedlich und es lag ein angenehm frischer Waldgeruch in der Luft.

Jizahan stupste Leeza leicht an. „Was denkst du, ist es hier sicher?“

„Es macht zumindest den Anschein und ich hoffe jetzt einfach mal, es ist auch so. Jedenfalls finde ich es sehr viel einladender als außerhalb des Kraters.“

„Wir sollten wohl hinuntergehen und einen guten Platz zum Rasten suchen, die Sonne ist schon am Untergehen.“

Leeza schaute zum Himmel und bemerkte, dass schon die ersten Sterne zu sehen waren. Sie fragte sich, wie das möglich war, denn schließlich waren sie im Morgengrauen in Kysano aufgebrochen. Entweder verging die Zeit hier schneller, die Tage waren kürzer, oder das Portal löste eine Art Zeitverschiebung aus.

Da es klar war, dass sie auf die Frage im Moment keine Antwort finden würde, verschob sie sie auf später und antwortete: „Ja, wir sollten uns beeilen, einen sicheren Rastplatz zu finden.“

Sie folgten zügig dem schmalen Pfad, der durch den Wald abwärts führte. Es wurde nun schnell Nacht und bald erhellte nur noch das Licht der Sterne und des Mondes ihren Weg. Leeza war sich darüber im Klaren, dass es gefährlich sein konnte, in der Dunkelheit weiterzugehen, und suchte fieberhaft den Wegrand nach einem Anzeichen für einen Rastplatz ab. Als sie schon dachte, sie würden nichts finden und müssten dem Weg bis ganz hinunter zum See folgen, bemerkte sie ein paar Meter vor ihnen eine Öffnung im dichten Gebüsch. Sie blieb stehen.

„Sieh mal, da ist so etwas wie ein Durchgang. Vielleicht führt er auf eine Lichtung, auf der wir rasten können.“

Jizahan sah Leeza misstrauisch von der Seite an. „Ich weiß ja nicht, aber ich bekomme langsam den Eindruck, dass dir das alles nicht fremd ist. Man könnte meinen, du hast so etwas schon öfters erlebt.“

„Na ja, nicht direkt so etwas und öfters schon gar nicht. Aber man könnte vielleicht sagen, ich weiß über einige Dinge ein bisschen besser Bescheid als du.“

„Hast du im Sinn, mich irgendwann über diese Dinge aufzuklären?“ Jizahan kickte verstimmt ein paar Steinchen weg.

„Ja, das habe ich. Vielleicht ist dir ja aufgefallen, dass wir bisher nicht wirklich Gelegenheit für eine ausgiebige Plauderei hatten“, antwortete Leeza nun ebenfalls leicht ärgerlich.

Sie starrten sich einen Moment lang an, dann wandte Leeza sich ab und ging auf die Öffnung in den Sträuchern zu. Sie hoffte inständig, dass sie wirklich auf eine Lichtung führte, wo sie in Ruhe rasten konnten, denn sonst mussten sie im Dunkeln weitergehen, und das wollte sie unbedingt vermeiden.

Als sie beim Durchgang angekommen war, atmete sie tief durch und ging dann, ohne zu zögern, hindurch. Sie dachte, dass Jizahan ihr folgen würde, aber als sie zurücksah, stand diese unschlüssig vor dem Eingang.

Sie seufzte innerlich auf und rief: „Nun komm schon, sonst schließt sich der Durchgang noch, bevor du drin bist.“

„Meinst du wirklich, dass wir hier durchgehen sollten?“, fragte Jizahan misstrauisch.

„Ich meine, dass ich nicht im Dunkeln weitergehen will, und deshalb werde ich jetzt nachschauen, ob sich hinter der Öffnung eventuell ein Schlafplatz verbirgt. Wenn du die Nacht lieber auf dem Pfad verbringen willst, dann tu das. Ansonsten solltest du mir folgen.“

Ungeduldig ging Leeza weiter, ohne Jizahans Reaktion abzuwarten. Diese zögerte noch einen Moment, sah dann aber ein, dass Leeza recht hatte. Nachts weiterzugehen war zu gefährlich, solange sie nicht wussten, was sie hier erwartete. Sie gab sich einen Ruck und folgte ihr durch die Öffnung.

Als Leeza hörte, dass Jizahan hinter ihr herkam, atmete sie auf. Sie war absichtlich nur langsam weitergegangen, immer darauf achtend, ob Jizahan ihr auch wirklich folgte. Ihr war klar, sie hatte eben etwas hart reagiert. Dies alles war für Jizahan schließlich absolutes Neuland, und sie selbst hatte immerhin schon etwas Erfahrung mit solchen Dingen. Sie fragte sich, wie sie das alles bloß erklären sollte, ohne zu viel zu verraten.

Nach einigen Metern verbreiterte sich der Durchgang und dann stand sie unvermittelt auf einer kleinen Lichtung. Sobald Jizahan neben ihr war, hörten sie das altbekannte Rascheln, das ihnen zeigte, dass sich der Durchgang hinter ihnen geschlossen hatte.

„Hier ist tatsächlich ein Rastplatz“, sagte Jizahan und sah Leeza verblüfft an.

„Ja, glücklicherweise. Ich denke, wir können hier in Ruhe die Nacht verbringen.“ Leeza war erleichtert.

Sie gingen langsam auf die Mitte der Lichtung zu und setzten sich, nachdem sie sich genau umgesehen hatten, ins weiche Gras.

„Was meinst du, sollen wir ein kleines Feuer machen?“, fragte Jizahan nach einer Weile.

„Kannst du das denn?“

Jizahan sah sie verwundert an. „Natürlich, du etwa nicht?“

„Nein. Das ist auch eine der Sachen, die ich dir erklären muss.“

„Na, da bin ich mal gespannt. Ich habe das Gefühl, es gibt ziemlich viele Dinge, über die wir reden sollten.“

„Da könntest du recht haben, aber bevor ich damit anfange, essen wir etwas. Ein Feuerchen wäre wirklich gut. Wenn du also so nett wärst?“

Jizahan nickte, machte schnippte mit ihren Fingern und sofort züngelten kleine Flammen hoch. Sie öffneten ihre Rucksäcke, nahmen die Bündel mit den Lebensmitteln hinaus und legten sie vor sich ins Gras. Als sie sie geöffnet hatten, begutachteten sie den Inhalt, der jeweils aus einigen Fladen, Äpfeln, Beeren, getrocknetem Fleisch und drei Wasserflaschen bestand.

Jizahan schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wirklich viel. Ich denke, wir sollten sparsam damit umgehen, denn bisher habe ich hier weder Wasser noch etwas Essbares gesehen.“

Leeza nickte. „Wir wissen ja schließlich auch nicht, wie lange wir brauchen oder was uns hier erwartet. Allerdings könnte es sein, dass sich am Morgen irgendwo hier eine helle Quelle zeigt. Dann könnten wir wenigstens die Wasserflaschen wieder auffüllen.“

Jizahan schaute Leeza verständnislos an. „Eine helle Quelle, die sich am Morgen zeigt? Wovon redest du?“

„Na ja, helle Quellen verschwinden, sobald es dunkel wird, und erscheinen erst am Morgen wieder. Wusstest du das nicht?“

„Dann hätte ich wohl kaum gefragt. Aber wieso weißt du denn so etwas?“

„Wie gesagt, es gibt einige Dinge, über die ich besser Bescheid weiß als du, und die Quellen gehören da offenbar dazu. Obwohl, zu sagen, ich weiß Bescheid, ist extrem übertrieben.“

Jizahan sah sie einen Moment lang an und sagte dann: „Wir sollten zuerst etwas essen und dann könntest du mich vielleicht aufklären, was meinst du?“

„Das klingt gut.“ Leeza nahm sich schnell etwas vom getrockneten Fleisch und einen Fladen.

Während sie aßen, hing jede von ihnen ihren eigenen Gedanken nach. Leeza fragte sich kurz, worüber Jizahan wohl nachdachte, entschied dann aber, dass sie sich ihren eigenen Problemen widmen sollte. Schließlich gab es genug, worüber sie sich klar werden musste. Was sollte sie Jizahan nur sagen? Sie dachte zurück an ihre Reise mit Syvenia und an die Erklärungen, die sie selbst damals erwartet hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht verstanden, wieso Syvenia ihre Fragen nicht beantworten wollte, aber jetzt konnte sie sich ungefähr vorstellen, wie sie sich gefühlt haben musste. Es gab einfach zu viele Dinge, die sie Jizahan nicht sagen durfte. Zunächst musste sie entscheiden, wie viel sie ihr verraten durfte und wollte. Das hieß, sie würde das Gespräch noch hinauszögern, bis sie wusste, was sie tun sollte. Eventuell konnte sie ihre Freundin mit der Ausrede, zuerst sollten sie schlafen, noch bis zum Morgen hinhalten. So blieb ihr während der Wache Zeit, noch etwas nachzudenken.

Als sie mit der Mahlzeit fertig waren, packten sie die Reste wieder ein und saßen dann schweigend da, bis Jizahan sagte: „Verrätst du mir jetzt, was hier los ist?“

„Ehrlich gesagt, denke ich, dass es besser ist, bis morgen damit zu warten. Wir sind beide müde und außerdem möchte ich nicht in der Nacht über solche Dinge sprechen. Schließlich kann man sich nie sicher sein, wer in der Dunkelheit lauschen könnte.“

Jizahan sah Leeza zunächst skeptisch an, willigte dann aber ein. „Ich bin wirklich müde und wahrscheinlich ist es tatsächlich besser, tagsüber zu reden. Ich hoffe nur, du hältst dein Versprechen.“

„Das werde ich, ganz bestimmt. Ich schlage vor, du schläfst jetzt und ich übernehme die erste Wache.“

„Wieso Wache? Denkst du, wir sind hier nicht sicher?“, fragte Jizahan erstaunt.

„Wir sollten einfach vorsichtig sein.“

„Du denkst das einfach? Und das hat nichts mit den Dingen zu tun, die du besser weißt als ich?“

„Doch, irgendwie schon. Ich war mal in einer Situation, die Ähnlichkeit mit dieser hatte. Damals hat auch jemand zur Sicherheit gewacht und wir sollten das auch tun.“

„Wie du meinst. Also werde ich jetzt schlafen und du weckst mich, wenn ich dich ablösen soll.“ Jizahan rückte ihren Rucksack zurecht und legte sich ins Gras.

Leeza atmete auf, erleichtert, dass ihr Plan funktionierte und Jizahan keine weiteren Fragen gestellt hatte. Nun würde sie in aller Ruhe überlegen, wie viele der Geheimnisse sie wirklich verraten durfte. Sie waren zwar beide von der Prophezeiung für die Mission ausgesucht worden, aber sie selbst hatte von Kymetos und Lestre gewisse Dinge erfahren, die Jizahan nicht wusste. Da war zum Beispiel der genaue Wortlaut der Prophezeiung oder auch die Tatsache, dass Kymetos der beste Lehrer für nichtmagischen Kampf in der Schule der Lichtmagier gleichzeitig ihr eigener magischer Begleiter, der Waschbär Jeera, war. Dann war da auch noch ihre eigene, sehr seltene Fähigkeit, die Emotionen anderer zu fühlen und manchmal sogar bildlich wahrzunehmen. Nicht zu vergessen, der nächtliche Besuch ihrer Mutter Lyzea, bei dem sie einiges über den Inhalt der Prophezeiung erfahren hatte. Das waren wirklich eine Menge Dinge, von denen Jizahan nichts wusste, und Leeza musste jetzt entscheiden, wie viel davon sie ihr anvertrauen durfte.

Sie seufzte, sah sich prüfend um und fragte sich, was sie eigentlich machen wollte, wenn sie angegriffen werden sollten. Da sie keine Magie benutzen konnte, würde sie im Falle eines Angriffs wohl auf andere Fähigkeiten zurückgreifen müssen. Sie zog ihren Dolch aus der Jacke und legte ihn griffbereit vor sich hin. Dann schob sie alle störenden Gedanken energisch beiseite, rückte etwas näher ans Feuer heran und grübelte weiter nach.


 

 

 

 

2. Kapitel

 

 

Lestre schob entnervt die letzte Hausarbeit zur Seite und fragte sich, ob die Schüler im Unterricht von Ferendos überhaupt irgendwann mal zuhörten. Als Schulleiter war es an ihm sicherzustellen, dass die Schüler auch wirklich etwas lernten, aber im Moment wusste er wirklich nicht, wie er das in dem Fall anstellen sollte. Ihm war zwar klar, dass der Geschichtsunterricht nicht besonders beliebt war, aber Ferendos Klasse schlug dem Fass den Boden aus. Er konnte sich tatsächlich nicht erinnern, jemals solch schlechte Arbeiten gesehen zu haben.

Er streckte sich, betrachtete seinen großen, mit Büchern und Schriftstücken übersäten Schreibtisch und schüttelte frustriert den Kopf. Er hatte wahrlich Wichtigeres zu tun, als Hausarbeiten zu korrigieren, aber es war notwendig, den Schein aufrecht zu halten, es sei alles in Ordnung. Er stand auf, ging zum Fenster und blickte hinaus. Da sein Büro fast im obersten Stockwerk der Schule der Lichtmagier lag, hatte er einen guten Überblick über das Areal und konnte beobachten, was im Garten vor sich ging. Eine Weile ließ er es zu, dass seine Gedanken von den Gesprächen dort unten abgelenkt wurden, aber dann wandte er sich ab und setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Es gab einfach viel zu viel zu tun, um müßig zu sein.

Er wollte sich gerade eines der Schriftstücke vornehmen, als der Portalwächter Kymetos völlig verschmutzt und blutverschmiert in seinem Büro auftauchte.

Lestre, dem sofort klar war, dass etwas schief gegangen sein musste, sprang auf, starrte Kymetos aus seinen strahlend blauen Augen erschrocken an. „Um Himmelswillen! Was ist passiert?“

„Ich bin von dunklen Magiern angegriffen worden, nachdem Leeza und Jizahan durch das Portal gegangen waren.“

„Sind die Mädchen noch durchgekommen?“

„Ich denke schon. Sie waren im Portal verschwunden, ehe es passierte. Einige dunkle Magier versuchten auch durch das Portal zu gehen, während ich von den anderen angegriffen wurde, aber es hat sie zurückgewiesen.“

„Also ist keiner von ihnen durchgekommen?“

„Ich glaube nicht, aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, die Angreifer abzuwehren, tut mir leid.“ Kymetos fuhr sich durch die kurzen nussbraunen Haare, die ihm buchstäblich zu Berge standen.

Lestre winkte ab. „Schon gut. Es kann keiner durchgekommen sein. Aber was ist mit dir? Bist du in Ordnung?“

„Ja, ja. Mir geht es gut. Das sind nur ein paar Kratzer, nichts Ernsthaftes. Aber etwas anderes ist gar nicht gut.“

„Was meinst du?“

„Das Portal. Es ist komplett zerstört worden.“

„Zerstört?“, fragte Lestre entsetzt.

„Vollständig. Ich konnte es nicht verhindern. Es waren einfach zu viele Angreifer“, antwortete Kymetos erschöpft und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.

Lestre setzte sich ebenfalls und die beiden groß gewachsenen, jung aussehenden Magier saßen sich schweigend gegenüber. Üblicherweise gingen Stärke und Kraft aus von ihnen, doch im Moment waren sie nur besorgt. Besorgt um die Mädchen.

Nach ein paar Minuten durchbrach Lestre das Schweigen und seufzte: „Das ist meine Schuld. Ich hätte bei euch bleiben sollen. Syvenia hätte zurückgehen können, aber ich hätte mit dir zusammen warten sollen.“

Kymetos hob bedauernd die Hände. „Das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Außerdem wäre es, wenn schon, meine Verantwortung. Ich habe schließlich vorgeschlagen, dass ihr zurückgehen sollt, und ich allein bei den Mädchen bleibe.“

„Und ich habe deinem Vorschlag zugestimmt, ohne darüber nachzudenken, ob ihr in Gefahr geraten könntet. Nun, es ist geschehen. Deshalb sollten wir nicht mehr darüber nachdenken, wer schuld an dem Problem ist, sondern, wie wir es lösen können. Also, irgendwelche Ideen?“

„Nein, nicht so wirklich. Soweit ich weiß, gibt es aus dieser

Illusion keinen anderen Ausgang als das zerstörte Portal.“

„Nicht einmal für dich? Als Portalwächter kannst du doch normalerweise eine Illusion auch auf andere Weise betreten und verlassen.“

„Nicht bei einem Portal der Prophezeiung. Du weißt doch, dass ich über diese Portale keine Macht habe.“

„Dann müssen wir einen anderen Weg finden, die beiden zurückzuholen.“ Lestres Blick aus den tiefblauen Augen war ins Leere gerichtet, er dachte nach.

Kymetos sah ihn an. Nach einer Weile des Schweigens fragte er nach: „Woran denkst du? Was für einen anderen Weg?“

„Daran müssen wir noch arbeiten, aber es gibt immer einen anderen Weg“, sagte Lestre überzeugt.

„Okay, und wo sollen wir anfangen?“

„Darüber muss ich noch etwas nachdenken und du solltest dasselbe tun. Aber zuerst musst du deine Verletzungen heilen. Brauchst du dabei Hilfe?“

„Nein, ich denke, es geht schon. Willst du Syvenia informieren?“

Lestre überlegte kurz und antwortete dann: „Eigentlich ungern, aber ich befürchte, dass ich nicht darum herumkomme. Immerhin weiß sie über die Prophezeiung Bescheid.“

Kymetos zog eine Augenbraue hoch und fragte mit einem amüsierten Glitzern in den schwarzbraunen Augen: „Tut sie das?“

„Das denkt sie zumindest. Aber sie weiß, dass ich regelmäßig zum Portal zurückgehen will, um es für Leeza und Jizahan zu öffnen. Sie wird mich danach fragen. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als ihr wenigstens ein bisschen was zu sagen.“

„Und wie viel genau ist ein bisschen was?“

Lestre lächelte. „So wenig wie möglich und so viel wie nötig. Allerdings bin ich mir noch nicht klar darüber, wie viel das denn nun wirklich ist.“

„Na gut, dann verschwinde ich jetzt. Ruf mich, wenn du mich brauchst.“

Nachdem Kymetos das Büro verlassen hatte, blieb Lestre noch einen Augenblick sitzen und ließ sich das eben geführte Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Kymetos hatte eine wirklich reife Vorstellung geliefert, und er war sich sicher, dass auch er selbst nicht minder überzeugend gewesen war.

Obwohl er genau wusste, dass die Geschichte von Kymetos nur erfunden war, wollte er dennoch zum Portal zurück, um sich die Sache anzuschauen, also konzentrierte er sich und stand kurz darauf am Ort des Geschehens. Als er sich umsah, fiel ihm auf, wie unberührt die Umgebung aussah. Nichts deutete auf einen heftigen Kampf hin und es waren auch kaum Magiereste zu spüren.

Er ging zum genauen Standort des Portals und untersuchte die Wiese dort gründlich. Es waren immer noch Farbfragmente zu sehen, die sich langsam auflösten, was bestätigte, dass das Portal tatsächlich zerstört worden war. Er fühlte tiefer in die spärlichen Magiereste hinein, aber sie waren kaum wahrnehmbar, ihr Ursprung nicht zu erkennen. Es war absolut unmöglich, dass hier vor relativ kurzer Zeit ein heftiger Kampf stattgefunden hatte, so schwach waren sie. Eines war aber offensichtlich. Das Portal war absichtlich zerstört worden.

Wieso hatte Kymetos den Angriff nicht besser vorgetäuscht? Es wäre doch ein Leichtes für ihn gewesen, genug Magie für eine gelungene Täuschung zu verteilen. Weshalb also hatte er es nicht getan? Wozu diese überaus realistische Vorstellung im Büro, inklusive Verletzungen und einer netten Geschichte über dunkle Magier, die angeblich versucht hätten, durch das Portal zu gehen, und dann keinerlei Übereinstimmung vor Ort?

Das Vorgehen ergab nur dann einen Sinn, wenn Kymetos hundertprozentig sicher sein wollte, dass der Täuschungsversuch von ihm als solcher erkannt wurde. Lestre lächelte beeindruckt, als er erkannte, was für ein geschickter Schachzug das gewesen war. Er konnte Kymetos gegenüber unmöglich weiter vorgeben, nichts über seine Pläne zu wissen, und das brachte ihn in Zugzwang. Er musste nun eingestehen, dass er von Kymetos Alleingängen wusste und auch eigene Pläne verfolgte. Aber wenn er es genau bedachte, hatte dies auch einige Vorteile. Außerdem war die Geschichte absolut perfekt, um Syvenia zu manipulieren. Sie würde nämlich keinen Augenblick daran zweifeln, dass alles, was Kymetos erzählte, auch tatsächlich geschehen war, und ihre vorhersehbare Reaktion darauf würde ihm direkt in die Hände spielen. Er sah die Lichtmagierin geradezu vor sich, wie sie sich nervös durch das hüftlange dunkellila Haar fuhr und ihn mit ihren schwarzen Augen besorgt anblickte, wenn er mit der Story ankam.

Zu denken gab ihm, ob Kymetos wirklich nicht wusste, wie sie die Mädchen zurückholen konnten. Wenn es so war, war er ein immenses Risiko eingegangen, als er das Portal zerstört hatte. Verließ er sich einfach darauf, dass sie einen anderen Weg fanden, oder war das nur ein weiterer Teil seines Spiels?

Da er über Kymetos Pläne einiges wusste, hatte Lestre von Anfang an vermutet, dass dieser das Portal zerstören würde, war aber davon ausgegangen, er kenne einen anderen Weg aus der Illusion für die Mädchen. Jetzt war er sich nicht mehr sicher, aber egal, wie sehr ihn das auch beunruhigte, hier konnte er nichts für Leeza und Jizahan tun. Er sah sich noch einmal um und teleportierte sich dann zurück in sein Büro, um Syvenia zu informieren.

 

In der Zwischenzeit hatte Kymetos sich geduscht und geheilt. Es war eine gute Idee gewesen, sich die Verletzungen zuzufügen, um die Geschichte über den angeblichen Angriff zu untermauern. Er überlegte, ob er in den Speisesaal gehen sollte, um etwas zu essen, entschied sich aber dagegen. Er wollte auf keinen Fall Syvenia begegnen, bevor Lestre mit ihr gesprochen hatte. Also begnügte er sich mit einem Apfel, den er nachdenklich verzehrte.

Ob Lestre ihm die Geschichte wohl abgekauft hatte? Immerhin war Lestre ein wahrer Meister der Täuschung, deshalb war es schwer zu beurteilen, was er wirklich dachte oder wusste. Aber egal, ob er ihm geglaubt hatte oder nicht, sobald er das Portal überprüfte, was er vermutlich unterdessen bereits getan hatte, kannte er die Wahrheit. Oder wenigstens den Teil der Wahrheit, den er wissen musste, um hoffentlich so zu reagieren, wie Kymetos es geplant hatte. Das war absolut entscheidend für das Gelingen seines Planes. Als er mit seinen Überlegungen bei dem Punkt angekommen war, hörte er in seinem Kopf ein leises Klopfen. Er konzentrierte sich und stand eine Sekunde später vor Lyzea, Leezas Mutter, die ihn in einer Illusionswelt irgendwo außerhalb von Kysano erwartete.

Sie hielt sich nicht mit Höflichkeiten auf, sondern fragte gleich: „Und? Hat es geklappt? Konntest du das Portal zerstören?“

Kymetos erwiderte leicht beleidigt: „Natürlich. Lestre und Syvenia haben meinem Vorschlag, dass ich allein mit Leeza und Jizahan zurückbleibe, sofort zugestimmt. Sobald sie weg waren, sind die Mädchen durch das Portal gegangen und dann habe ich es zerstört. Es war fast schon zu einfach.“

„Was ist mit Lestre? Hat er unseren Köder geschluckt?“

„Schwer zu sagen. Du weißt doch, wie er ist. Es ist nicht einfach, ihn zu durchschauen. Ich vermute, er hat mir den Angriff nicht abgekauft, obwohl seine Reaktion darauf echt überzeugend war. Inzwischen ist er aber sicherlich beim Portal gewesen und weiß spätestens jetzt, dass ich alles nur erfunden habe.“

Lyzea sah Kymetos zweifelnd an. „Auch wenn er gemerkt hat, dass du gelogen hast, ist immer noch fraglich, ob er so reagiert, wie wir es uns vorgestellt haben.“

„Stimmt. Vor allem, weil auch Lestre seine eigenen Pläne verfolgt. Ich frage mich bereits eine ganze Weile, ob er uns nicht schon lange durchschaut hat und einfach aus Spaß an der Sache mitspielt.“

„Das ist durchaus möglich. Er ist ganz genau der Typ, der so etwas machen würde.“ Lyzea zuckte mit den Achseln.

„Wir können im Moment nichts tun, außer zu warten, bis er den nächsten Zug macht.“

„Was weiß Syvenia eigentlich von der ganzen Sache?“

„Herzlich wenig“, sagte Kymetos. „Bisher haben wir sie nur so weit informiert, wie es unbedingt nötig war. Sie ist vermutlich jetzt bei Lestre, damit er sie über die Zerstörung des Portals informieren kann. Es wird sehr interessant sein zu sehen, wie viel er ihr verrät und wie sie mit den Informationen umgeht.“

„Neben Lestres Reaktion auf das Ganze ist Syvenia der zweite entscheidende Faktor. Aber ihretwegen mache ich mir kaum Sorgen. Ich bin sicher, dass sie genau das tut, was wir für sie vorgesehen haben.“

Kymetos lachte leise auf. „Sie ist erschreckend leicht zu manipulieren. Bei ihr macht es schon fast keinen Spaß mehr.“

„Du musst aber trotzdem auch bei ihr vorsichtig bleiben. Sie ist zwar naiv, aber nicht dumm. Wenn du ihr einen Anhaltspunkt gibst, könnte sie durchaus anfangen, gewisse Dinge zu hinterfragen.“ Lyzea blickte beunruhigt zu ihm auf.

„Ich passe schon auf, keine Angst. Aber jetzt sollte ich nach Kysano zurückgehen, es könnte gefährlich für dich sein, wenn ich zu lange hier bin.“

Sie hielt ihn am Ärmel zurück. „Warte, wir haben noch ein bisschen Zeit. Schließlich habe ich diese Illusion explizit für solche Treffen entstehen lassen. Niemand wird uns hier so leicht finden. Also, wie geht es Leeza?“

„Mach dir um Leeza keine Sorgen, sie hält sich gut. Eigentlich sogar besser, als ich erwartet hatte. Soweit es ihr möglich ist, hat sie alles fest im Griff. Sie ist genau die Richtige für die Aufgabe, du hast sie gut vorbereitet.“

„Lestre konnte die Blockade nicht durchbrechen, oder?“

„Nein, anscheinend nicht. Allerdings war ich nicht dabei und kann daher nicht mit absoluter Sicherheit sagen, was passiert ist. Zu Syvenia hat Lestre lediglich gesagt, dass der Bann sehr stark sei. Als ich dann mit ihm gesprochen habe, sagte er, dass er nicht tief genug vordringen konnte, um sie zu überwinden. Die Frage ist, ob er von Anfang an wusste, dass es ihm nicht gelingen würde, und er es nur versucht hat, um den Schein zu wahren, oder ob er wirklich dachte, es könnte gelingen. Jedenfalls hat er den Versuch sofort abgebrochen, als es für Leeza zu viel wurde und hat abgelehnt, es noch einmal zu probieren.“

„Habt ihr besprochen, was er wahrscheinlich tun muss, um den Bann brechen zu können?“

„Ja, wir haben uns ganz kurz darüber unterhalten. Das ist der Teil daran, der ihm überhaupt nicht gefällt. Mir übrigens auch nicht. Aber er wäre bereit, es auf sich zu nehmen, wenn es tatsächlich nötig sein sollte. Bist du sicher, dass es wirklich keinen anderen Weg gibt?“

„Nein, denn ich weiß darüber genauso wenig wie ihr, aber es ist die einzige Möglichkeit, die ich mir im Moment vorstellen kann. Wenn einer von uns aber doch noch eine andere Lösung findet, umso besser.“

„Ich werde darüber nachdenken und ich bin überzeugt, Lestre tut das ebenso. Das Risiko, dass ihm oder Leeza dabei etwas geschehen könnte, ist einfach zu groß.“

Lyzea nickte langsam und wechselte dann unvermittelt das Thema. „Was ist mit Jizahan?“

„Die beiden haben sich glücklicherweise vom ersten Moment an gut verstanden. Sie ist die perfekte Partnerin für Leeza. Sie sind beide sehr klug und haben außerordentliche Fähigkeiten. Sie ergänzen sich perfekt und ich denke, sie werden als Team bestens funktionieren.“

„Sehr gut. Eine letzte Frage noch, dann musst du wirklich zurückgehen. Was ist mit Quires?“

„Oh natürlich, Jizahans Vater. Den hätte ich beinahe vergessen. Er ist durchgekommen“, sagte Kymetos strahlend.

Lyzea starrte ihn ungläubig an. „Er hat es geschafft? Er konnte tatsächlich durch das Portal gehen? Wie ist das denn möglich? Die Prophezeiung sagt doch absolut eindeutig, dass das nur Leeza und Jizahan können, wie also kann das sein?“

„Ich habe keine Ahnung, aber er war schon immer davon überzeugt, dass es einen Weg gibt. Offensichtlich hat er ihn gefunden. Ich hoffe, er kann uns irgendwann sagen, wie er es gemacht hat.“

„Das sind gute Neuigkeiten. Das heißt, er kann den Mädchen helfen, falls es nötig ist. Aber jetzt musst du wirklich verschwinden.“

Kymetos nickte, umarmte Lyzea schnell und war im nächsten Moment wieder in seinem Zimmer in Kysano. Es war wichtig, sich regelmäßig mit Lyzea zu treffen, aber sie mussten vorsichtiger sein. Er war viel zu lange geblieben und das konnte für sie beide gefährlich werden. Ihre nächste Begegnung würde kürzer sein müssen. Er dachte gerade darüber nach, was Lyzea über Syvenia gesagt hatte, als er spürte, dass Lestre nach ihm rief.

 

Als er im Büro ankam, stand Lestre am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Kymetos räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen, und setzte sich dann auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch.

„Wo warst du? Ich habe dich schon einige Male gerufen“, fragte Lestre, ohne sich vom Fenster abzuwenden.

„Oh, ich hatte einige Dinge zu erledigen. Du weißt schon, Portalwächterzeugs“, antwortete Kymetos vage.

„Portalwächterzeugs?“ Lestre lachte. „Wirklich? Na, wenn das nicht die perfekte Ausrede ist.“

„Ausrede? Ich weiß nicht so richtig, was du meinst. Haben wir beide ein Problem?“

Lestre schwieg einen Moment, drehte sich dann um und sagte leichthin: „Natürlich nicht. Wieso sollten wir ein Problem haben? Ich wollte damit nur sagen, dass es praktisch für dich sein muss, immer eine gute Begründung zu haben, wenn du mir nicht verraten willst, wo du warst oder was du gemacht hast.“

Kymetos ging sofort auf Lestres lockeren Tonfall ein. „Das ist wohl einer der Vorteile des Portalwächters. Aber du kannst dich, wenn du willst, auch mit Großmagier- oder Schulleiterzeugs herausreden. Eigentlich ist das doch dasselbe, oder?“

Lestre setzte sich hinter seinen Schreibtisch und nickte freundlich. „Natürlich, du hast recht. Und schließlich gehen mich deine Angelegenheiten und Pläne auch überhaupt nichts an.“

„Nun, ich werde sie immer gerne mit dir teilen, sofern es mir möglich ist, und ich vertraue darauf, dass du das auch tust.“

„Das ist doch selbstverständlich.“ Lestre sah Kymetos mit einem charmanten Lächeln an.

Kymetos erwiderte sein Lächeln. „Dann sind wir uns ja einig. Aber du hast mich bestimmt nicht gerufen, um über Ausreden zu sprechen, oder?“

„Nein, natürlich nicht. Ich wollte dich über mein Gespräch mit Syvenia informieren.“

„Ach, du hast bereits mit ihr geredet? Wie hat sie reagiert?“

„Oh, sie war erwartungsgemäß entsetzt, panisch und überaus besorgt. Ich habe ihr allerdings nur gesagt, dass das Portal während eines Angriffs auf dich zerstört wurde, und wir jetzt nach einem anderen Weg aus der Illusion suchen müssen. Alles andere habe ich ihr verschwiegen.“

Da Kymetos sofort klar war, worauf Lestre anspielte, antwortete er: „Das war eine kluge Entscheidung. Es ist besser, wenn Syvenia nicht zu viel weiß. Das könnte sonst für uns gefährlich werden oder Dinge in Gang setzen, die wir beide nicht wollen.“

„Ich dachte mir schon, dass du das auch so siehst. Hast du während der Erledigung deines Portalwächterzeugs zufällig irgendwelche Ideen gehabt, was den anderen Weg aus der Illusion betrifft?“

„Nein, leider nicht. Ich fürchte, dass wir wieder mal in den alten Büchern und Schriften danach suchen müssen.“

Lestre schüttelte frustriert den Kopf. „Das sollten wir unbedingt einschränken, sonst geht das doch viel zu lange. Ich denke nicht, dass Leeza und Jizahan so viel Zeit haben.“

„Vermutlich nicht, also werden wir einen Weg finden müssen, das Ganze zu beschleunigen. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Aber jetzt muss ich gehen. Ich habe noch einiges zu erledigen.“

„Portalwächterzeugs?“, fragte Lestre betont freundlich.

Kymetos nickte lächelnd. „Genau das. Und da es keinen Aufschub duldet, verschwinde ich jetzt.“

 

Als er allein war, lehnte sich Lestre mit einem zufriedenen Grinsen zurück. Das hatte ja wunderbar geklappt. Kymetos hatte genauso auf seine Anspielungen reagiert, wie er es erhofft hatte. Die ganze Sache würde noch sehr interessant werden. Was den Ausweg aus der Illusion betraf, hatte er sich dazu entschlossen, Kymetos den ersten Schritt machen lassen, denn er baute nach wie vor darauf, dass dieser eine Lösung für das Problem fand.

Nach einer Weile stand er auf, schenkte sich ein Glas Wasser ein und öffnete das Fenster, um die warme Abendluft ins Zimmer zu lassen. Während er an seinem Getränk nippte, blickte er auf den üppig blühenden Garten. Es hatte schon lange nicht mehr geregnet, was ungewöhnlich war für die Jahreszeit. Ob das eine Bedeutung hatte? Lestre schüttelte unwillig den Kopf. Er durfte sich nicht von solch trivialen Nebensächlichkeiten wie dem Wetter von seinen Aufgaben ablenken lassen. Er hatte noch so viele andere wichtige Dinge zu erledigen, und schließlich musste er sich als Schulleiter und Großmagier auch noch um alltägliche Probleme kümmern. Eines davon war zum Beispiel die Sache mit dem absolut unfähigen Geschichtslehrer Ferendos. Was sollte er nur mit ihm machen? Ihm ein anderes Fach zuteilen? Aber welches? Lestre fuhr sich frustriert durch sein schwarzes Haar und wünschte sich, er könnte solche Entscheidungen an einen Stellvertreter delegieren. Er sah nachdenklich zum nächtlichen Himmel hinauf und realisierte plötzlich, wie spät es geworden war. Es war schon beinahe Zeit für sein geheimes Treffen, also teleportierte er sich aus seinem Büro in den Garten und folgte dann dem Weg, der aus dem Schulgelände hinaus führte.

 


 

 

 

 

 

 

3. Kapitel

 

 

 

 

 

Leeza hatte die ganze Nacht lang darüber gegrübelt, wie viel sie Jizahan verraten durfte und wie sie den Erdschlüssel finden sollten, aber als der Morgen graute, hatte sie noch immer keine schlüssigen Antworten gefunden.

 

Sie rieb sich die müden Augen, stand auf und streckte sich ausgiebig. Jizahan schlief noch und Leeza dachte daran, dass es bei ihrer Reise mit Syvenia wohl so ähnlich gewesen war, nur dass damals sie geschlafen und Syvenia Wache gehalten hatte. Das war noch gar nicht so lange her und trotzdem fühlte es sich an wie Jahre. Wohl deshalb, weil in der Zeit so unglaublich viel geschehen war.

 

Sie hatte die meisten Erinnerungen an ihr altes Leben außerhalb von Kysano verloren und dafür neue Dinge erfahren, die sie nie für möglich gehalten hatte. Eben war sie noch ein ganz normales Mädchen gewesen, und jetzt war sie in einer Illusion, die von Erdmagiern vor langer Zeit erschaffen worden war, auf der Suche nach einem Schlüssel, von dem sie weder wusste, wie er aussah noch, wo genau sie nach ihm suchen musste. Aber das Problem mit dem Erdschlüssel musste warten. Zuerst war eine Entscheidung bezüglich Jizahan zu treffen. Wie weit durfte sie sie in alles einweihen?

 

Leeza betrachtete Jizahan nachdenklich und fragte sich, wie es ihr wohl ginge. Sie waren beide in ein neues Leben geworfen worden, ohne darum gebeten zu haben. Sie erinnerte sich daran, wie schrecklich sie sich gefühlt hatte, als weder Mutter noch Syvenia ihre vielen Fragen beantworten wollten. Das durfte sie Jizahan auf keinen Fall antun. Egal, wie lange sie darüber nachdachte, es drehte und wendete, es änderte nichts an der unvermeidlichen Tatsache, dass sie Jizahan zumindest über die wichtigsten Dinge aufklären musste. Welche genau das waren, würde sie spontan von Frage zu Frage entscheiden müssen.

 

Eigentlich hätte sich Leeza gedanklich gerne noch dem anderen Problem gewidmet, aber es wurde bereits hell. Die Sonne war am Aufgehen und das hieß, sie mussten bald aufbrechen.

 

Sie ging zu ihrer Freundin und schüttelte sie sanft an der Schulter. „Wach auf, Jizahan.“

 

Jizahan blinzelte verwirrt um sich. „Was? Wo sind wir?“

 

„In der Illusion der Erdmagier, es ist Tag und bald Zeit aufzubrechen.“

 

Jizahan schüttelte den Kopf, um die Benommenheit des Schlafes loszuwerden. Sie setzte sich auf, rieb sich die Augen und sah sich um. Natürlich, jetzt fiel ihr alles wieder ein. Sie hatten Kysano durch ein Portal verlassen und waren jetzt in der Illusion der Erdmagier auf der Suche nach dem Erdschlüssel. Sie schaute zu Leeza hinüber und bemerkte sofort, wie erschöpft sie aussah. Ihre braunen Augen blickten müde und die goldenen Sprenkel in ihnen wirkten ungewöhnlich matt. Natürlich, sie hätte die zweite Wache übernehmen müssen.

 

„Wieso hast du mich nicht geweckt? Ich hätte auch Wache halten sollen, damit du etwas schlafen kannst?“, fragte sie vorwurfsvoll.

 

Leeza winkte ab. „Du hast so tief geschlafen und ich hätte sowieso keine Ruhe gefunden. Mir gingen viel zu viele Gedanken durch den Kopf. Also konnte ich ebenso wachen.“

 

„Trotzdem, du hättest dich wenigstens etwas ausruhen können. Die nächste Nacht werde ich aufbleiben und du wirst schlafen.“

 

„Wir werden sehen, aber jetzt sollten wir schnell etwas essen und uns dann auf den Weg machen.“

 

Leeza ließ den Blick über die Lichtung streifen, um zu sehen, ob inzwischen eine helle Quelle aufgetaucht war, und wurde tatsächlich fündig. „Wir können uns waschen und nach dem Essen unsere Wasserflaschen auffüllen.“

 

Jizahan drehte sich in die Richtung. „Erstaunlich. Die war gestern Abend noch nicht hier, oder?“

 

„Nein, das ist eben eine helle Quelle, die sich nur am Tag zeigt.“

 

„Ich nehme das jetzt einfach mal so zur Kenntnis, erwarte aber später eine Erklärung, in Ordnung?“

 

„Die wirst du bekommen. Jedenfalls, soweit ich es überhaupt erklären kann. Aber auch wenn ich sicher bin, dass es eine helle Quelle ist, solltest du sie vielleicht doch prüfen. Du weißt schon, mit dem Erkennungszauber oder wie das heißt.“

 

„Ja, Kymetos sagte, wir müssten vorsichtig sein. Und ich bin so nett, dich nicht zu fragen, wieso du das nicht selber machen kannst.“ Jizahan zwinkerte ihr zu und kniete sich vor die Quelle hin, schloss die Augen und bewegte ihre Handflächen langsam über dem Wasser hin und her.

 

Leeza sah einen hellgrünen Schimmer, der von Jizahans Händen ausgehend über die Wasseroberfläche glitt, und fragte sich unwillkürlich, wie lange es noch dauern würde, bevor sie ihre angeblichen magischen Fähigkeiten auch endlich beherrschte.

 

Nach einigen Sekunden öffnete Jizahan die Augen wieder und sagte zufrieden: „Es ist alles in Ordnung. Das Wasser ist rein, wir können es gefahrlos trinken.“

 

Sie machten sich frisch und setzten sich, um noch etwas zu essen. Nachdem sie ihre Wasserflaschen nachgefüllt hatten, schulterten sie die Rucksäcke und gingen zögernd auf die Stelle zu, wo sie am Abend auf die Lichtung gekommen waren.

 

Als sich der Durchgang vor ihnen öffnete, blieben sie wie auf Kommando stehen und Jizahan fragte: „Geht das nur mir so oder würdest du auch am liebsten hierbleiben?“

 

„Ja, ehrlich gesagt schon. Es ist so ruhig und friedlich hier und ich habe überhaupt keine Lust herauszufinden, was uns außerhalb der Lichtung erwartet. Aber was hilft es.“

 

„Hast du wenigstens irgendeine Ahnung, wohin wir gehen oder was wir machen müssen?“

 

„Ach Jizahan, ich weiß noch nicht mal, ob wir im richtigen Krater sind.“

 

Jizahan sah sie verwirrt an. „Was meinst du damit?“

 

„Der Erdschlüssel ist anscheinend in einem der Krater versteckt, aber leider weiß ich nicht, in welchem.“

 

„Na, das sind ja gute Neuigkeiten. Nach dem, was ich gestern gesehen habe, gibt es hier bloß hunderte davon. Aber lass es uns positiv sehen, immerhin weißt du, dass wir in einem Krater suchen müssen. Ich für meinen Teil wusste schließlich nicht einmal das“, erwiderte Jizahan und sah Leeza vielsagend an.

 

Leeza hob entschuldigend die Hände. „Ja, ja, ich weiß. Das werde ich dir später auch erklären.“

 

„Das hoffe ich doch. Aber jetzt sollten wir wirklich aufbrechen, denn ich bezweifle, dass wir den Schlüssel hier finden werden.“

 

„Das wäre zwar super, aber leider absolut unwahrscheinlich.“ Leeza lachte.

 

Sie verließen die Lichtung und folgten dem Pfad auf den Hauptweg, der hinunter zum See führte. Eine Zeit lang gingen sie schweigend nebeneinander her. Leeza sah immer wieder heimlich zu ihrer Freundin und fragte sich, wann sie ihre erste Frage stellen würde. Jizahan ihrerseits bemerkte die Blicke zwar, schwieg aber, weil sie nicht wusste, wo sie anfangen sollte. Als sie schon ziemlich weit von der Lichtung entfernt waren, spürte Leeza plötzlich, dass sie beobachtet wurden.

 

Sie stupste Jizahan leicht an und die nickte sofort. „Ja, ich habe es auch bemerkt. Was meinst du, sind das wieder diese gruseligen Augen?“

 

„Nein, irgendwie fühlt es sich nicht so negativ an. Ich glaube eher, das ist unser geheimnisvoller Helfer. Du weißt schon, der mit dem Pfeifen“, flüsterte Leeza.

 

„Ja natürlich, den hatte ich völlig vergessen. Wer könnte das sein?“

 

„Da bin ich überfragt, aber immerhin hat er uns ziemlich aus der Patsche geholfen, also denke ich mal, er will uns nicht tot sehen.“

 

„Oder er will es selber erledigen“, gab Jizahan zu bedenken.

 

„Ja, das wäre natürlich auch eine Möglichkeit, aber lass uns positiv bleiben und hoffen, dass wir einen heimlichen Helfer haben. Das fühlt sich besser an.“

 

Sie gingen langsam den schmalen Weg weiter, der sich zwischen den Bäumen den Hang hinab schlängelte. Die dunkelorange Sonne war mittlerweile ganz aufgegangen und es wurde schnell wärmer. Kein Wölkchen stand am goldfarbenen Himmel und die Luft roch angenehm frisch. Da es jetzt hell war, konnte sich Leeza den Wald genauer ansehen. Er war ganz anders als jener in Kysano. Es gab keinen einzigen Laubbaum, sondern nur hochgewachsene, schlanke Tannen, deren Nadeln hellgrün leuchteten. Der Waldboden war mit dunkelgrünem Moos bedeckt und hier und da gab es einige kleine Sträucher mit ebenfalls dunkelgrünen Blättern und gelben Beeren. Immerhin wirkte der Wald im Gegensatz zu dem vom vorherigen Tag einladend und das war doch ein Fortschritt. Tiere konnte Leeza nirgends entdecken und obwohl sie das etwas seltsam fand, war sie froh darüber, da sie schließlich keine Ahnung hatten, wie die Tierwelt hier aussah.

 

Je weiter sie dem Weg folgten, desto lichter wurde der Wald und nach einer Weile ging er fließend in das leuchtend-orange Schilf über, das sie am Tag vorher vom Kraterrand aus gesehen hatten. Das bedeutete wohl, der See konnte nicht mehr weit entfernt sein. Jetzt, da sie nicht mehr im schattigen Wald waren, spürten sie, wie warm es inzwischen geworden war. Die Hitze schien sich im dichten Schilfgürtel regelrecht zu stauen und die Mädchen hätten ihre Jacken ausgezogen, wenn nur die Schilfblätter nicht so scharfe Ränder gehabt hätten.

 

Leeza überlegte, wie sie weiter vorgehen sollten, wenn sie den See erreicht hatten. Sie waren völlig planlos dem Pfad nach unten zum See gefolgt. Wieso eigentlich?

 

Als hätte sie ihre Gedanken gelesen, fragte Jizahan unvermittelt: „Wir sollten bald beim See sein. Was machen wir eigentlich, wenn wir dort sind?“

 

„Die Frage habe ich mir eben auch gestellt und ich habe mal wieder keine Ahnung“, gab Leeza zu.

 

Jizahan überlegte einen Moment und sagte dann: „Vielleicht gibt es dort ein Plätzchen, wo wir uns hinsetzen und beraten können. Dann könntest du mir auch einige Antworten geben. Ich will dich ja nicht drängen, aber ich denke doch, dass ich über gewisse Dinge informiert sein sollte.“

 

„Völlig richtig. Es tut mir wirklich leid, dass ich das so lange hinausgezögert habe.“

 

Je näher sie dem See kamen, desto dichter und höher wurde das Schilf. Sich einen Weg hindurch zu bahnen, wurde immer schwieriger. Bald gab es keinen Pfad mehr, dem sie hätten folgen können. Doch da sie keine Wahl hatten, gingen sie auf gut Glück immer weiter, in der Hoffnung, auch wirklich am See zu landen. Tatsächlich wurde sie nach einer Weile für ihre Ausdauer belohnt. Das Schilf lichtete sich zunehmend und dann standen sie am Ufer des großen, im Sonnenlicht schimmernden Sees.

 

Leeza beschattete die Augen, um im grellen Licht besser sehen zu können, und betrachtete die ruhige tiefblaue Wasseroberfläche. Es schien alles total friedlich zu sein und doch hatte sie das seltsame Gefühl, dass etwas im See sie beobachtete.

 

Leeza flüsterte, ohne Jizahan anzublicken: „Hast du auch das Gefühl, dass der See oder etwas darin uns beobachtet?“

 

„Das wollte ich dich eben auch fragen. Was meinst du, ob es hier sicher ist?“

 

„Ich weiß nicht, aber ich habe kein gutes Gefühl. Ich glaube nicht, dass wir allzu lange hierbleiben sollten.“

 

„Aber wohin sollen wir denn gehen? Wieder hinauf zur Lichtung oder zum Kraterrand?“

 

„Ich wünschte, ich hätte darauf eine Antwort. Vielleicht gehen wir einfach dem Ufer entlang und sehen, was geschieht.“ Leeza hob ratlos die Schultern und ließ sie wieder fallen.

 

„Oh ja klar, wir spazieren um den See und warten, bis wir angegriffen werden oder so.“ Ironisch verdrehte Jizahan die Augen nach oben.

 

Leeza fauchte verärgert: „Hast du vielleicht eine bessere Idee? Nur zu, ich bin ganz Ohr.“

 

„So habe ich das nicht gemeint. Lass uns gehen.“ Sie wandte sich nach rechts und wollte eben los, als Leeza sie am Arm festhielt. „Warte. Hörst du das? Dieses Summen?“

 

Jizahan drehte sich um, sah über den See und keuchte entsetzt auf, ehe sie flüsterte: „Ich höre es nicht nur, ich sehe es. Wir müssen von hier verschwinden, sofort!“

 

Leezas Augen weiteten sich erschrocken, als sie ebenfalls entdeckte, woher das Summen kam. Ein Schwarm riesiger Insekten flog vom anderen Seeufer direkt auf sie zu. „Weglaufen hat keinen Sinn. Die sind viel zu schnell und auf dem Weg hierher gab es nirgends einen Ort, wo wir uns verstecken können. Kennst du eine Magie, die sie abwehrt?“

 

„Ich könnte wahrscheinlich einige von ihnen erledigen, aber für mich allein sind das viel zu viele!“

 

„Kannst du sie wenigstens so lange aufhalten, bis ich eine Lösung gefunden habe?“

 

„Wenn du dich beeilst“, antwortete Jizahan, formte mit ihren Händen eine Schale und murmelte ein paar Worte.

 

Zuerst schien es so, als ob nichts passieren würde, aber nach einigen Sekunden bildeten sich in Jizahans Händen kleine Wirbelstürme. Sie atmete einige Male tief ein und aus, und Leeza konnte sehen, wie die Wirbelstürme bei jedem Atemstoß größer und heftiger wurden.

 

Jizahan begann zu wanken und rief: „Du sollst nicht mich beobachten, sondern an einer Idee arbeiten! Meine Windmagie ist nicht mächtig genug für einen so großen Schwarm. Sie wird ihn nur für kurze Zeit aufhalten.“

 

Leeza riss ihren Blick mühsam vom faszinierenden Schauspiel in Jizahans Händen los und suchte die Umgebung nach einer Lösung für ihr Problem ab. Es musste doch irgendetwas herumliegen, was sie benutzen konnten! Aber alles was es hier gab, waren Steine, Schilfblätter und Schilfrohre.

 

Schilfrohre! Natürlich!

 

Sie suchte hektisch nach zwei kräftigen Rohren und einigen großen Schilfblättern, die sie mit ihrem Dolch abschnitt, hastete zurück zum Ufer und rief Jizahan zu: „Ich weiß jetzt, was wir machen. Wie weit bist du?“

 

„Bereit, wenn du es bist. Ich kann die Stürme jederzeit losschicken. Sie sind jetzt stark genug, um die Insekten ordentlich durcheinanderzuwirbeln. Das wird uns etwa eine Minute verschaffen, in der wir verschwinden können. Was ist der Plan?“

 

„Der See. Wir tauchen im See unter. Luft kriegen wir durch die Schilfrohre, die ich geschnitten habe.“

 

„Der See? Der Plan gefällt mir überhaupt nicht. Wer weiß, was im See auf uns lauert.“

 

„Ich finde es auch nicht toll, aber das Einzige, was ich auf die Schnelle aus dem Ärmel schütteln konnte. Wirf mir deinen Rucksack zu, sobald du die Stürme losgeschickt hast, und tauch im Wasser unter. Ich verstecke die Rucksäcke noch unter einigen Schilfblättern und komme dann sofort nach.“

 

„Der Plan gefällt mir immer noch nicht, aber was soll’s. Lassen wir’s krachen oder besser gesagt wirbeln.“

 

Jizahan hob ihre Hände etwas höher, drehte die Handflächen leicht nach außen, machte eine schnelle Bewegung nach vorn und die Stürme fegten über den See, direkt auf die Insekten zu. Sie warf Leeza ihren Rucksack zu, griff sich eines der Schilfrohre und sprang ins Wasser.

 

Leeza verbarg die Rucksäcke eilig unter den vorher geschnittenen Blättern, rannte zum Ufer, wobei sie nicht anders konnte, als zum Insektenschwarm hinzuschauen.

 

Jizahans Magie leistete ganze Arbeit. Die Insekten wirbelten wild durcheinander und hatten offensichtlich Mühe, sich in der Luft zu halten. Sie nickte anerkennend, packte ihr Schilfrohr und tauchte im See unter.

 

Das Wasser war auf dem Gesicht und den Händen eisig kalt, aber der restliche Körper war durch ihre Kleidung geschützt. Anscheinend wirkte der Kälte- beziehungsweise Wärmeschutz auch im Wasser. Leeza zwang sich ruhig zu atmen und beobachtete aufmerksam die Wasseroberfläche. Die Insekten mussten beim Überfliegen einen Schatten werfen und bevor er weg war, durften sie keinesfalls auftauchen.

 

Es dauerte nicht mal eine Minute, bis es über ihnen dunkel wurde. Der Schwarm verharrte eine ganze Weile über ihnen und flog suchend hin und her. Leeza hoffte inständig, dass ihnen die Atemrohre nicht auffielen und sie unverrichteter Dinge wieder verschwänden. Und sie hatten Glück, denn nach einer kleinen Ewigkeit flogen sie weg und kamen nicht zurück.

 

Leeza signalisierte Jizahan, dass sie auftauchen wollte, um sich einen Überblick zu verschaffen. Langsam ließ sie sich zur Oberfläche hinauftreiben, streckte vorsichtig den Kopf aus dem Wasser und sah sich um. Als sie sicher war, dass keine Gefahr mehr drohte, tauchte sie nochmals unter und tippte Jizahan auf die Schulter. Sie kamen hoch und warfen sich triefend auf den Boden.

 

Nachdem sich ihr Atem beruhigt hatte, fragte Jizahan: „Wie bist du auf die super Idee gekommen?“

 

„Ich weiß auch nicht. Es ist mir einfach so eingefallen. Vielleicht war ich früher schon einmal in einer ähnlichen Situation und habe mich daran erinnert.“

 

Jizahan stützte sich mit einem Arm auf und fragte amüsiert: „In einer ähnlichen Situation? Du meinst, du warst schon einmal in einer dir völlig unbekannten Welt, in der du nach einem geheimnisvollen Schlüssel suchen musstest, und wurdest dabei von Rieseninsekten angegriffen?“

 

Leeza setzte sich auf und lachte. „Ja klar, ich erledige andauernd solche Aufträge. Deshalb weiß ich auch so genau, was zu tun ist, und wohin wir gehen müssen. Zu dumm, dass du mein Geheimnis herausgefunden hast. Eigentlich meinte ich doch nur die Sache mit dem Untertauchen, um Insekten abzuschütteln.“

 

Jizahan hatte sich inzwischen auch aufgesetzt und erwiderte trocken: „Tja, jetzt ist es schon zu spät. Du solltest vorsichtiger sein mit dem, was du sagst. Aber mit deinem geheimen Wissen müssten wir den blöden Schlüssel doch problemlos finden.“

 

„Aber sicher doch. Mit dem, was ich weiß, brauchen wir lediglich ein paar Jahre dazu.“ Leeza prustete los.

 

„Na, das passt doch“, kicherte Jizahan. „Ich freue mich echt darauf, hier ein bisschen Zeit zu verbringen.“

 

Leeza stand grinsend auf, zog die Rucksäcke unter dem Schilf hervor und warf Jizahan ihren zu. Sie wollte den eigenen gerade öffnen, um trockene Kleidung herauszunehmen, als sie entdeckte, dass sich ihre Kleider überhaupt nicht nass anfühlten. Erstaunt fasste sie den Jackenärmel an. „Jizahan, hast du bemerkt, dass die Kleider schon wieder trocken sind?“

 

Jizahan sah an sich hinunter und erwiderte verdutzt: „Hoppla! Sie sind überhaupt nicht nass. Das ist total cool.“

 

„Das ist es wirklich!“ Nach einem Blick zur Freundin fügte Leeza hinzu: „Und übrigens, deine Wirbelstürme vorhin waren auch echt cool. Ich war extrem beeindruckt.“

 

„Nein, die waren nicht wirklich gut“, wehrte Jizahan ab. „Ich bin nicht so bewandert in der Luftmagie. Wenn ich Erdmagie hätte benutzen können, wäre es einfacher gewesen, aber leider ist sie gegen fliegende Gegner nicht besonders wirksam.“

 

„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Wenn du die Biester nicht mit deiner Magie durcheinandergewirbelt hättest, wären wir verloren gewesen. Ich bin gespannt zu sehen, was du mit Erdmagie so alles machen kannst.“

 

„Nun, hoffentlich kommt es nicht allzu oft dazu. Ich kann die Erdmagie zwar ziemlich gut anwenden, aber ich habe sie noch nie in einem echten Kampf benutzen müssen.“

 

„So wie ich diese Welt bis jetzt kennengelernt habe, befürchte ich, dass es früher oder später nötig sein wird, und ich bin mir sicher, du kriegst das dann problemlos hin.“

 

„Dann wollen wir erstens hoffen, dass es viel später dazu kommt, und zweitens, dass du dann recht behältst.“

 

Leeza lächelte Jizahan aufmunternd an. „Aber klar! Jetzt sollten wir uns aber dem aktuellen Problem zuwenden. Wohin sollen wir nun gehen? Wie gesagt, ich glaube nicht, dass es hier sicher ist. Sowieso frage ich mich schon länger, warum wir überhaupt zum See gegangen sind.“

 

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich wollten wir einfach nicht zurück zum Kraterrand gehen, also war er das einzig logische Ziel.“

 

Leeza strich sich nachdenklich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Vielleicht. Aber seltsam finde ich es schon. Ich habe das Gefühl, dass jemand oder etwas wollte, dass wir hierher kommen.“

 

Jizahan starrte Leeza mit großen Augen an. „Du meinst, das sollte eine Falle sein?“

 

„Wir wurden ja regelrecht auf den Krater zugetrieben und als wir fast oben waren, hat uns das Pfeifen ganz hineingelockt. Wenn wir frei hätten wählen können, wären wir vielleicht zu einem der anderen Krater gegangen. Die Auswahl ist schließlich groß genug.“

 

„Wer würde das tun? Und wieso ausgerechnet in dem Krater?“

 

„Das sind viele offene Fragen und ich habe auf keine eine Antwort. Wir haben die ganze Zeit angenommen, dass der geheimnisvolle Pfeifer uns wohlgesonnen ist, aber was, wenn nicht? Und dann gibt es da noch jemanden, der uns beobachtet. Sie wären beide gute Kandidaten.“ Leeza blickte sich wieder um.

 

„Durchaus. Es wäre aber auch möglich, dass es jemand anders ist. Ich meine, wir haben nicht die geringste Ahnung, wer sonst noch in dieser Welt lebt. Mal abgesehen von Rieseninsekten, bösartigen Vögeln und trollähnlichen Wesen.“ Unsicher folgte Jizahan Leezas Blick, aber sie konnte nichts Außergewöhnliches entdecken.

 

„Wir dürfen nichts außer Acht lassen und sollten jetzt wirklich aufbrechen“, sagte Leeza. „Lass uns mal rund um den See gehen. Vielleicht gibt es noch einen anderen Pfad, eine Höhle oder sonst etwas, was uns weiterhilft.“

 

„Einverstanden. Eventuell kannst du mir, während wir gehen, ja einige meiner Fragen beantworten.“

 

„Das klingt gut“, erwiderte Leeza, schulterte ihren Rucksack und ging voraus.


 

 

 

 

 

 

 

 

4. Kapitel

 

 

 

 

 

Kymetos hatte sich von Lestres Büro aus direkt in einen abgelegenen Teil des Gartens teleportiert. Obwohl ihm klar war, dass der Großmagier seiner magischen Spur problemlos folgen konnte, machte er sich nicht die Mühe, eine falsche Fährte zu legen. Diesen Teil konnte nur er selbst betreten und auch wenn Lestre seiner Spur tatsächlich folgte, würde sie ihn woanders hinführen. Er hatte diesen versteckten Ort selbst erst vor Kurzem gefunden und das auch nur, weil er danach gesucht hatte. Es war extrem schwierig gewesen, ihn ausfindig zu machen, denn im dritten Teil der Prophezeiung hatte nur gestanden, dass es verborgene Stellen gibt, jedoch ohne Hinweis darauf, wo sie zu finden sind. Er hatte hunderte von Büchern gewälzt, um herauszufinden, wo sie sein könnten und was genau er machen musste, wenn er sie entdeckt hatte. Lestre war ihm dabei leider keine Hilfe gewesen, denn da diese Örtlichkeiten den Portalwächtern vorbehalten waren, konnte nur er selbst sie finden. Es hatte lange gedauert, aber irgendwann entdeckte er in einer der uralten Schriften, wonach er gesucht hatte. Ein Bericht darüber, wo die geheimen Portale der Prophezeiung verborgen waren, und was man tun musste, um sie zu aktivieren. Es hatte ihn sehr erstaunt zu lesen, dass sich der erste Ort praktisch vor seiner Nase, in der Schule der Lichtmagier, befand. Seit er davon wusste, war er bereits zweimal hier gewesen, um sich genauer umzusehen, aber heute war der Zeitpunkt gekommen, an dem er das Portal öffnen musste. Aus Gewohnheit sah er sich aber schnell um und schlüpfte dann durch eine fast unkenntliche Fuge zwischen zwei Bäumen.

 

Er folgte dem Weg und kam nach einigen Metern zu einem eisernen Tor, das leise knarrend aufsprang, sobald er sich ihm näherte. Er starrte einen Moment lang in die absolute Dunkelheit, die dahinter herrschte, und fragte sich zum wiederholten Mal, ob es wirklich keinen anderen Weg gab. Nach einer Weile schüttelte er das ungute Gefühl ab und trat entschlossen durch das Tor.

 

Sobald es sich hinter ihm geschlossen hatte, entzündeten sich Fackeln, die entlang der Wände befestigt waren. Er stieg langsam die endlos scheinende steinerne Wendeltreppe hinunter und folgte dann dem engen Gang, bis er in einer Sackgasse endete.

 

Nachdem er die Wand vor sich einige Sekunden lang widerwillig betrachtet hatte, legte er die Handflächen in Augenhöhe auf den blanken Stein. Zunächst schien nichts zu geschehen, aber nach ungefähr einer halben Minute erwärmte sich der Stein unter seinen Händen und begann hellorange zu glimmen. Kymetos schloss die Augen und atmete tief ein, um sich gegen den Schmerz zu wappnen, der gleich einsetzen würde. Der Stein erhitzte sich nun schneller und das Glühen wechselte von orange zu rot. An seinen Handflächen bildeten sich Brandblasen und Kymetos musste seine ganze Willenskraft aufbringen, um sie nicht von der immer heißer werdenden Wand zu lösen. Er wusste, wenn er dies jetzt tat, war der Weg für immer versperrt, und das durfte auf gar keinen Fall geschehen. Es war ein Glück, dass er als Portalwächter viel weniger schmerzempfindlich als normale Magier war, denn ansonsten hätte er diese unglaubliche Qual nicht ertragen können.

 

Um sich von dem höllischen Brennen auf seiner Haut abzulenken, konzentrierte er sich auf die Frage, was für ein sadistischer Vollidiot sich ausgedacht hatte, die Pforte auf die Weise zu schützen. Wie konnte man nur darauf kommen, ein Tor zu errichten, welches nur durch beinahe unerträgliche Pein aktiviert wurde? Schwer atmend nahm er sich vor, denjenigen, falls er ihn jemals lebend fand, einen qualvollen Tod sterben zu lassen.

 

Gerade als er meinte, den Schmerz nicht länger ertragen zu können, kühlte sich der Stein unvermittelt ab und direkt vor Kymetos zeichnete sich der Umriss einer Pforte in der Wand ab. Er widerstand dem Verlangen, die Hände sofort von der Wand zu nehmen, sondern wartete ungeduldig, bis ein silbrig-blauer Schimmer die eben entstandene Pforte überzog. Jetzt erst löste er sich vorsichtig vom mittlerweile vollständig abgekühlten Stein und trat zitternd einige Schritte zurück. Er betrachtete die pochenden Handflächen, die voller Brandblasen waren und fragte sich erneut, wessen Idee das wohl gewesen war. Sobald er mal einige Minuten freie Zeit hätte, würde er in den alten Büchern nach einer Antwort auf die Frage suchen.

 

Er atmete tief ein und begann die Verbrennungen zu heilen. Nach einer Weile lösten sich die Brandblasen auf und es blieben nur einige rötliche Narben zurück. Sachte bewegte er die Finger und stellte erleichtert fest, dass ihm das keinerlei Schmerz bereitete. Allerdings musste er sich eine gute Erklärung für die Narben einfallen lassen, falls sie nicht ganz verschwanden, aber das konnte warten, bis es wirklich zu einem Problem wurde. Im Moment musste er sich auf die vordringlichen Dinge konzentrieren, von denen es wahrlich genug gab.

 

Nachdenklich musterte er die Wand vor sich, trat dann näher heran und fuhr mit den Fingern behutsam über die silbrig-blau schimmernden Abdrücke seiner Hände, die sich tief in den Stein eingegraben hatten. Der erste Schritt war nun getan und jetzt hieß es abwarten.

 

Er hoffte inständig, dass er die alten Texte korrekt interpretiert und die darin vorgegebene Zeitabfolge richtig eingehalten hatte, denn wenn er nicht den genauen Zeitpunkt getroffen hatte, würde sich die Pforte später nicht öffnen und dann war alles Bisherige umsonst gewesen. Aber jetzt konnte er nichts mehr daran ändern. Er starrte die Handabdrücke noch einen Moment lang an, wandte sich dann entschieden ab und ging den Weg zurück, den er gekommen war.

 

Während er langsam die Treppenstufen hinaufstieg, überlegte er, wie er reagieren sollte, wenn Lestre ihn nach der Verschiebung der Energien auf dem Schulgelände fragte. Obwohl die Veränderung, die durch die Aktivierung des Portals entstanden war, nur minimal war, würde Lestre sie auf jeden Fall bemerken. Er musste sich endlich entscheiden, ob er ihm die Wahrheit über die Pforte verraten sollte oder nicht. Oft hatte er darüber nachgedacht, aber da dieses Problem damals noch nicht vordringlich gewesen war, hatte er es immer auf später verschoben. Das konnte er nun nicht mehr und deshalb musste er sich zwischen Wahrheit und Täuschung entscheiden. Beide Varianten hatten ihre Tücken, denn zu viel Wahrheit konnte in seiner Situation genauso schädlich sein wie zu viel Täuschung. Die eigentliche Frage hier war nämlich, wie weit er Lestre wirklich vertrauen konnte oder sollte.

 

Ursprünglich waren Lyzea und er sich einig gewesen, die Pforte und alles, was damit zusammenhing, so lange wie möglich vor Lestre geheim zu halten. Mittlerweile war er sich nicht mehr sicher, ob das die richtige Taktik war. Immerhin verfolgte Lyzea offensichtlich auch ihre eigenen Pläne, denn sonst hätte sie ihm von ihrem nächtlichen Besuch bei Leeza erzählt. Was sie damit wohl bezweckte? Es musste ihr doch klar sein, dass er die Verschiebung der Energien bemerkt haben musste, also wieso hatte sie ihm nichts gesagt? Das war schon wieder etwas, was keinen Sinn ergab.

 

Kymetos schüttelte frustriert den Kopf und wandte sich seinem im Moment brennendsten Problem zu. Vertraute er Lestre genug, um ihn wenigstens teilweise in seine Pläne einzuweihen? Und falls er sich dazu entschied, wie viel sollte er ihm verraten? Lestre war neben Lyzea ganz klar der wertvollste Verbündete, den er haben konnte, aber würden die Vorteile die möglichen Nachteile überwiegen? So sehr er auch hin und her überlegte, er kam einfach zu keinem Ergebnis.

 

Er seufzte tief und trat durch das sich vor ihm öffnende Tor zurück hinaus in den Garten. Als er dem Weg zur Öffnung zwischen den Bäumen folgte, spürte er die Anwesenheit eines anderen Magiers. Obwohl er wusste, dass dies eigentlich ausgeschlossen war, da es nur ihm möglich sein sollte, hierher zu kommen, sah er sich unauffällig um. Er konnte zwar niemanden sehen, war sich aber trotzdem sicher, dass eben noch jemand hier gewesen war. Wie war das möglich?

 

Falls ihn sein Gefühl nicht täuschte und tatsächlich jemand hier gewesen war, warf das wieder eine ganze Menge neuer Probleme und Fragen auf. Konnte es eventuell doch Lestre gewesen sein, der ihm nachgegangen war? Nein, er war sich ganz sicher, ihm war niemand gefolgt, und das hieß wiederum, es musste jemanden geben, der diesen absolut geheimen, dem Portalwächter vorbehaltenen Ort kannte. Das war gar nicht gut.

 

Um herauszufinden, wer das war, müsste er jeden einzelnen Magier an der Schule überprüfen, was einen enormen Zeitaufwand bedeutete. Er konnte das auf keinen Fall allein erledigen und die einzige Person, die ihm dabei helfen konnte, war Lestre. Damit erübrigte sich die Frage danach, ob er ihn einweihen sollte oder nicht. Aber ganz egal, wie sehr es auch eilte, darüber, wie viel er ihm erzählen sollte, musste er sich Gedanken machen, und dazu brauchte er einen Moment Ruhe. Nachdem er die Entscheidung getroffen hatte, schlüpfte er schnell durch die schmale Öffnung zwischen den Bäumen und teleportierte sich zurück in seine Räumlichkeiten.

© 2016 Beatrice Hiu